Es gibt ein Dokument, in dem jemand aufschreibt, wie man eine Aufsichtsbehörde gegen Luft kämpfen lässt. Es ist keine Zusammenfassung im Nachhinein, keine Rekonstruktion eines Journalisten. Es ist ein Vorschlag, geschrieben im November 2018, mit Optionen und Risikostufen. Option zwei wurde empfohlen. Option zwei wurde ausgeführt.
Zwanzig bis dreißig Prozent
Juni 2019, eine Videokonferenz der Binance-Führung. Jemand meldet, wie viel des Verkehrs auf der Börse aus einem einzigen Land kommt: zwanzig bis dreißig Prozent. Derselbe Anteil am Umsatz.
Das Land sind die Vereinigten Staaten. Und genau da liegt das Problem: Binance hat dort keine Lizenz. Keine einzige.
Changpeng Zhao, Gründer und Eigentümer, wägt es laut ab. “Blocking the US is probably one of the biggest business decisions we have to make,” sagt er. Und dann: “but it is better than losing everything.”
Was danach geschah, steht in vier Jahren Chatnachrichten, mitgeschnittenen Telefonaten und internen Dokumenten, die die amerikanische Staatsanwaltschaft und die Börsenaufsicht SEC 2023 offengelegt haben. Wir haben sie alle gelesen — 404 Seiten. Das ist Teil eins.

“Better to ask for forgiveness”
Zhao hatte längst einen Namen dafür. In einer Chatnachricht vom September 2019 erklärt er, warum Binance den amerikanischen Markt nie losgelassen hatte:
Er nannte es eine grey zone, eine Grauzone. Seine Worte, nicht unsere.
Und beim Geld hatte er recht. Zwischen August 2017 und Oktober 2022 verdiente Binance an amerikanischen Nutzern 1.612.031.763 Dollar. Anderthalb Milliarden Dollar, aus einem Land, in dem das Unternehmen nicht tätig sein durfte.
If we blocked US users from day 1, Binance will be not as big as we are today. … better to ask for forgiveness than permission.Changpeng Zhao in einer internen Chatnachricht, September 2019. Aus der Anklageschrift der amerikanischen Staatsanwaltschaft.
Der Mann mit den drei Optionen
Zurück zum November 2018. Binance heuert Berater an, um das amerikanische Problem zu kartieren. Einer von ihnen führt selbst eine Krypto-Handelsfirma in den Vereinigten Staaten. In den Gerichtsakten heißt er nur Binance Consultant.
Er kommt mit einer Präsentation. Drei Optionen, jede mit einem Risikolabel.
Option eins, geringes Risiko: zu den Aufsichtsbehörden gehen, reden, sich vergleichen, alles regeln. Sein eigener Rat dazu: nicht tun. Die Vergleichskosten “could be significant”, und es könne zum “complete loss of the US market during the settlement process” führen.
Option drei, hohes Risiko: alles lassen, wie es ist. Auch ein Nein — das ruft die Aufsicht geradezu herbei, samt einem SEC-Verfahren über “the issuance of BNB to U.S. persons” und den Betrieb eines “unregistered securities broker-dealer”.
Option zwei, mittleres Risiko. Die empfahl er. Und sie verdient ein wörtliches Zitat, denn die Formulierung lässt wenig Raum für Fantasie.
Das Ziel der ganzen Spannung
Gründet eine amerikanische Einheit, schrieb der Berater. Einen Namen hatte er schon: die Tai-Chi-Entität. Nach der Kampfkunst, in der man die Kraft des Gegners nutzt und mitgeht, statt zu blockieren.
Diese Einheit sollte “become the target of all built-up enforcement tension”. Sie sollte diese Spannung “reveal, delay and resolve”. Und, in einem einzigen Satz, der alles sagt: sie sollte “insulate Binance from existing and future liabilities”.
Danach wurde es praktisch. Binance musste sich nach außen als Lieferant von Technik präsentieren, nicht als Eigentümer — “by visualizing Binance as a technology provider”. Die Liquidität auf der amerikanischen Plattform sollte von “affiliated or contracted market makers” kommen. Die Lizenzgebühren, die die amerikanische Einheit zahlen würde, waren “functionally U.S. trading revenue”.
Und dann die zwei Sätze, die man zweimal lesen muss. Um Binance vor amerikanischer Durchsetzung abzuschirmen, sollte gelten: “key Binance personnel should continue to operate from non-U.S. locations”. Und die Wallets und Server mussten außerhalb der USA bleiben — “to avoid asset forfeiture”.

Mit der SEC reden, ohne Erwartung
Der Rat ging weiter als die Struktur. Er beschrieb auch ein Theaterstück.
“Purely for publicity” sollte die Tai-Chi-Entität ein langes und detailliertes juristisches Rahmenwerk zu der Frage veröffentlichen, wann ein Token ein Wertpapier ist — um “Howey test sophistication” zu zeigen, nach dem amerikanischen Standardtest. Danach sollte sie mit der SEC über die Gründung oder Übernahme eines Broker-Dealers sprechen.
Und zwar, wörtlich: “without any expectation of success and solely to pause potential enforcement”.
Und dann der Teil, der direkt in das hineinführt, was in Teil zwei geschieht. Um Durchsetzung weniger attraktiv zu machen, musste Binance öffentlich “restrict U.S. persons’ access to the main site” — während Kunden privat ermutigt wurden, genau diese Beschränkung zu umgehen, über das, was der Berater die “strategic treatment of VPNs” nannte. So blieb der wirtschaftliche Schaden der öffentlichen Ankündigung minimal.
Auf lange Sicht würde Binance die amerikanische Operation zurückkaufen “at a nominal price” und ihre Führung austauschen — “once it has served its purpose”.
Zhao antwortet
Was sagte Zhao zurück? Auch das steht in den Akten.
Er erzählte, Binance habe auch mit amerikanischen Anwaltskanzleien gesprochen, die einen “more conservative approach” vorschlugen, der “probably safer for now” sei. Aber er sei “still very keen”, mit dem Berater weiterzuarbeiten.
Und dann dieser Satz: “There are elements from both of your proposals we may combine.”
Er fügte etwas hinzu, das verrät, dass beide Männer wussten, was sie taten. Eine renommierte Anwaltskanzlei hinter sich zu haben, schrieb Zhao, “reduces the personal exposure you take on as well”.
Sie müssten “work as a team”.
There are elements from both of your proposals we may combine. … having [a U.S. law firm] behind us reduces the personal exposure you take on as well.Changpeng Zhao an den Berater, November 2018.
“Binance implemented much of the Tai Chi plan”
Das ist keine Schlussfolgerung von uns. Es ist die wörtliche Feststellung der SEC selbst, in ihrer Klage vom 5. Juni 2023 Vorwurf. Binance bestritt das damals entschieden: Der Berater sei nie beschäftigt gewesen, und der Plan sei nie ausgeführt worden.
Was feststeht: Am 13. Juni 2019 kündigte Binance eine eigene amerikanische Plattform an, geführt von “our local partner”, die den amerikanischen Markt “in full compliance with the rules” bedienen sollte. Am Tag darauf, dem 14. Juni, änderten sich die Nutzungsbedingungen der Hauptbörse zum ersten Mal so, dass Amerikaner dort nicht mehr handeln durften — mit Sperrung “after 90 days”.
Und am Tag dieser Ankündigung verschickte der Berater intern eine Anweisung. Verknüpft den Start bloß nicht mit der Sperrung von Amerikanern auf der Hauptseite, schrieb er. Denn das würde zwei Dinge nahelegen: dass Binance wusste, dass es vorher gegen die Regeln verstoßen hatte, und dass die beiden Firmen “alter egos of each other coordinating the work together” seien.
29. Oktober 2020
Fast zwei Jahre lang blieb das Dokument im Haus. Dann leakte es.
Am 29. Oktober 2020 veröffentlichte Forbes einen Text des Journalisten Michael del Castillo unter einer Schlagzeile, wonach ein geleaktes “Tai Chi”-Dokument einen ausgeklügelten Plan von Binance offenlegte, den Kryptoaufsehern zu entgehen. Laut Forbes war der Autor Harry Zhou, ein früherer Binance-Mitarbeiter und Mitgründer von Koi Trading in San Francisco — eine Firma, die drei Millionen Dollar vom Wagniskapitalarm von Binance erhalten hatte und in Gründungsunterlagen dieselbe Adresse mit der amerikanischen Binance-Einheit teilte.
Binance bestritt es und verklagte Forbes und zwei Journalisten wegen Verleumdung. Diese Klage zog das Unternehmen später wieder zurück.
Aber in der eigenen amerikanischen Tochter schlug der Artikel ein. Die Chefin dort schrieb kurz nach der Veröffentlichung an den Finanzchef von Binance, ihre Leute hätten “lost a lot of confidence because of the article”, und das ganze Team habe das Gefühl, “they had been duped into playing a puppet”.
Was in dieser amerikanischen Tochter vor sich ging, ist das Thema von Teil drei. Aber zuerst Teil zwei: was mit den Kunden geschah, die es laut Ankündigung nicht mehr geben durfte.

Quellen
Diese Serie beruht auf sechs Gerichtsdokumenten, die wir alle vollständig gelesen haben. Für diesen Teil vor allem: die SEC-Klage vom 5. Juni 2023 (136 Seiten, Verfahren 1:23-cv-01599, D.C. — Tai Chi in ¶¶112-124) und die Anklageschrift der amerikanischen Staatsanwaltschaft vom 14. November 2023 (Verfahren CR23-178, Seattle). Außerdem: der Forbes-Artikel vom 29. Oktober 2020. Zitate stammen aus den Gerichtsdokumenten; wo diese englisch sind, stehen sie auf Englisch. Das SEC-Verfahren ist eine Zivilklage — Vorwürfe, kein Beweis. Fest steht das strafrechtliche Schuldeingeständnis vom November 2023; darum geht es in Teil drei. Stand: 1. August 2026.