STORY · COURT CASE · TEIL 2 VON 3

Die Kunden, die es nicht geben durfte

Teil 2: auf dem Papier ging die Tür für Amerikaner zu. In Wirklichkeit rief das VIP-Team sie einen nach dem anderen an — und es durfte keine Spur zurückbleiben.

Am 14. Juni 2019 stand es schwarz auf weiß: Amerikaner durften auf Binance nicht mehr handeln. Neun Tage später saß die Führung in einer Sitzung und besprach, wie man die größten amerikanischen Kunden trotzdem behält. Die Lösung war kein technischer Trick. Es war ein Telefonskript.

Siebzig Prozent

Zuerst der Grund. Warum sollte eine Börse, die sich gerade öffentlich von einem Markt verabschiedet hat, genau diesen Markt heimlich festhalten?

Weil es keine gewöhnlichen Kunden waren.

Binance stufte seine größten Händler als VIPs ein, monatlich bestimmt anhand ihres Handelsvolumens. In einer mitgeschnittenen Führungssitzung vom 9. Juni 2019 meldete einer der Mitgründer, dass Binance mehr als 3.500 VIPs aus den Vereinigten Staaten hatte. Und dass VIPs und Firmenkunden zusammen mehr als siebzig Prozent des Umsatzes ausmachten.

Zwei Wochen später wurde er genauer: rund elftausend VIPs weltweit waren diese siebzig Prozent. Amerikaner stellten davon etwa ein Drittel.

Grob gesagt: dreitausend Menschen brachten mehr ein als die zig Millionen anderen Kunden zusammen. Und diese dreitausend durfte es ab dem 14. Juni nicht mehr geben.

VIPs machten weit ber siebzig Prozent des Umsatzes aus. Ein Drittel von ihnen war amerikan
Elftausend Namen. VIPs machten weit über siebzig Prozent des Umsatzes aus. Ein Drittel von ihnen war amerikanisch.

Die Anweisung

In der Wochensitzung vom 9. Juni 2019 gab Zhao die Richtung vor. Nicht in verdeckten Worten.

Vier Tage später — vier — meldete ein Mitarbeiter des VIP-Teams an Zhao und den Rest der Führung: “We have approached 16 top US customers so far, some already have an offshore entity, they said they understand and they are happy that we are getting ahead of this.”

Ein paar Tage danach berichtete der Marketingdirektor den Stand: Das Team hatte mit den Top 22 der amerikanischen VIP-Kunden gesprochen. Davon hatten 19 bereits zugestimmt, “change their KYC, or their IP”.

Neunzehn von zweiundzwanzig. In weniger als zwei Wochen.

We don't want to lose all the VIPs which actually contribute to quite a large number of volume. So ideally we would help them facilitate registering companies or moving the trading volume offshore in some way — in a way that we can accept without them being labeled completely U.S. to us.Changpeng Zhao, Führungssitzung vom 9. Juni 2019. Aus der SEC-Klage.

Keine Spur

Am 25. Juni kam die Führung erneut darüber zusammen. Diesmal ging es um die Ausführung.

Zwei Mitgründer erklärten Zhao, wie sie vorgingen. Die amerikanischen VIPs wurden offline angesprochen: direkte Anrufe, damit “no trace” zurückblieb. Hatte ein VIP bereits eine ausländische Gesellschaft, half das VIP-Team ihm, ein separates Konto zu eröffnen und die VIP-Vorteile hinüberzuziehen.

In den Gerichtsakten steht hinten ein Satz, der das Ganze ins Verhältnis setzt: Der VIP-Manager von Binance räumte ein, dass manche dieser ausländischen Gesellschaften Amerikanern gehörten.

Es kam auch ein Skript. VIPs sollten hören, sie seien “incorrectly identified” worden, also fälschlich als amerikanische Kunden erfasst. Diese Formulierung steuerte Zhao selbst.

Und in derselben Sitzung sagte er etwas, das in keine Präsentation passen würde. Über die Botschaft, die nach außen gehen sollte:

The message needs to be finessed very carefully because whatever we send will be public. We cannot be held accountable for it.Changpeng Zhao, 24. Juni 2019.

Das Dokument mit dem Wink

Am 26. Juni 2019 hielt der Compliance-Chef von Binance alles in einem internen Dokument fest. Die Metadaten verraten das Datum. Der Titel war schlicht: VIP handling.

Es enthielt fertige Nachrichten, in Stapeln zu versenden “as recommended by CZ”, dazu Skripte für das Nachtelefonieren oder das Ansprechen über einen verschlüsselten Messengerdienst.

Für VIPs mit amerikanischen Ausweispapieren: sorgt dafür, dass der Kunde sein neues Konto dort abschließt, “where no U.S. documents are allowed”. Und: “make sure you tell the user to keep it confidential”.

Für die Mitarbeiter selbst stand eine Anweisung dabei, die genau zeigt, wo die Grenze gesucht wurde: “We cannot in any way tell users we are changing their KYC, that is not compliant. We are in fact rather correcting inaccurate data in light of new evidence.

Und für VIPs, die über ihre IP-Adresse gesperrt waren, kam die Passage, um die sich das ganze Kapitel dreht.

Ein internes Dokument mit fertigen Nachrichten, Telefonskripten und der Anweisung, es vert
26. Juni 2019. Ein internes Dokument mit fertigen Nachrichten, Telefonskripten und der Anweisung, es vertraulich zu halten.

Wenn der Nutzer den Wink nicht versteht

Sagt dem Nutzer, der Grund, warum er binance.com nicht nutzen kann, sei, dass seine IP als US-IP erkannt wird. Und dann, wörtlich:

Danach folgte im selben Dokument ein Vorbehalt. Weist Nutzer nicht ausdrücklich an, eine andere IP zu benutzen. “We cannot teach users how to circumvent controls.”

Und dann das Schwänzchen hinterher: “If they figure it out themselves, that is fine.

Das ist die ganze Konstruktion in zwei Sätzen. Sag nicht, was sie tun sollen. Sag aber genau genug, damit sie selbst darauf kommen. Und notiere dazu, dass du es nicht gesagt hast.

If the user doesn't get the hint, indicate that IP is the sole reason why he/she can't use .com.Aus dem internen Dokument “VIP handling”, 26. Juni 2019. Die Betonung auf “sole” steht im Original.

Für Wale gibt es immer einen Weg

Es blieb nicht bei 2019. Anderthalb Jahre später lief es noch immer.

Am 15. Juli 2020 fragte ein Mitglied des VIP-Teams, wie man einen sehr großen amerikanischen Kunden aufnehmen könne. Die Antwort des Compliance-Chefs: Lasst sie sich bei der amerikanischen Börse anmelden, “but we let them trade on .com through a special arrangement”.

Wenn das Volumen wirklich sehr groß sei, schrieb er, “then we push hard on the .com side to accept it as an exception”. Und dann der Satz, der das Geschäftsmodell zusammenfasst: “we always have a way for whales — either we do it, or a competitor does”.

Er fügte hinzu: “CZ will definitely agree with this lol … senior management briefed me to always find a way to support the business.”

Wohin das führte: Eine interne Präsentation vom März 2020 — neun Monate nach der Ankündigung — meldete, dass die Hauptbörse noch immer rund 159 amerikanische VIP-Kunden hatte, zusammen gut für fast siebzig Prozent des gesamten VIP-Handelsvolumens weltweit. Im Mai 2021, zwei Jahre nach der Ankündigung, waren es noch immer gut 63 Prozent.

Der Satz

Am 2. Dezember 2020 fragte jemand den Compliance-Chef, ob das Sperren amerikanischer Kunden noch immer eine harte Vorgabe sei. Die Antwort steht als Screenshot in der SEC-Klage, Zeitstempel und alles.

Ja, antwortete er, das sei sie noch immer. Denn wenn amerikanische Nutzer auf .com kommen, fallen wir unter die amerikanischen Aufseher: FinCEN, OFAC und die SEC.

“But as best as we can.”

“We try to ask our American users to use a VPN.”

Und dann der Satz, der am besten zusammenfasst, was in vier Jahren Prozessakten steht.

On the surface we cannot be seen to have US users but in reality, we should get them through other creative means.Der Compliance-Chef von Binance, 2. Dezember 2020. Screenshot in der SEC-Klage.
Was er zwei Jahre früher schon wusste

Was er zwei Jahre früher schon wusste

Derselbe Mann hatte es schon im Dezember 2018 aufgeschrieben, an eine Kollegin aus der Compliance-Abteilung. Es ist das meistzitierte Sätzchen der gesamten Akte, und die SEC eröffnete ihren Schriftsatz damit: “we are operating as a fking unlicensed securities exchange in the USA bro.”

Die SEC fügte drei Wörter hinzu: “He was right.”

In der SEC-Klage und in der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft heißt dieser Mann nur “der Compliance-Chef” oder “Individual 1”. In einem anderen offiziellen Verfahren steht er sehr wohl mit Namen anderswo mit Namen: Die amerikanische Derivateaufsicht CFTC klagte Samuel Lim persönlich an als “Binance’s CCO from 2018 through 2022”. Er verglich sich im Dezember 2023 für anderthalb Millionen Dollar plus dauerhafte Verbote.

Wer die anderen anonymen Figuren sind, steht in Teil drei.

Was unter dem Strich stand

Bis August 2021 hatte Binance weltweit gut 62 Millionen Kunden. Nur 25 Millionen davon hatten je Ausweispapiere eingereicht. Bis mindestens August 2021 musste man überhaupt nichts einreichen, solange man unter zwei Bitcoin pro Tag blieb — und man konnte so viele Konten eröffnen, wie man E-Mail-Adressen hatte.

Im selben Zeitraum liefen Transaktionen im Wert von 898.618.825 Dollar zwischen amerikanischen Nutzern und Nutzern im Iran über die Plattform. 106 Millionen Dollar kamen direkt vom russischen Darknet-Marktplatz Hydra herein.

Und in all diesen Jahren reichte Binance beim amerikanischen Finanznachrichtendienst FinCEN keine einzige Verdachtsmeldung ein. Nicht eine.

In Teil drei: die amerikanische Firma, die die Schläge auffangen sollte, der Market Maker, der dem Eigentümer gehörte, und die Rechnung.

Die Zahl der Verdachtsmeldungen, die Binance in vier Jahren bei FinCEN einreichte.
Null. Die Zahl der Verdachtsmeldungen, die Binance in vier Jahren bei FinCEN einreichte.

Quellen

Für diesen Teil vor allem: die SEC-Klage vom 5. Juni 2023 (¶¶104-140 zur VIP-Strategie, ¶111 das Compliance-Zitat, ¶135 der Screenshot) und die Anklageschrift der amerikanischen Staatsanwaltschaft vom 14. November 2023 (Verfahren CR23-178, Seattle — ¶¶36-47 zu den VIPs, ¶50 zu den null Meldungen). Das CFTC-Verfahren gegen Samuel Lim und sein Vergleich vom Dezember 2023. Zitate stammen aus den Gerichtsdokumenten. Das SEC-Verfahren ist eine Zivilklage; das strafrechtliche Schuldeingeständnis vom November 2023 steht dagegen fest. Stand: 1. August 2026.