STORY · COURT CASE · TEIL 3 VON 4

Die Marionette, die Jacht und die Rechnung

Teil 3: die amerikanische Firma, die unabhängig sein sollte, der Market Maker, der dem Eigentümer gehörte, und der größte Vergleich der Kryptogeschichte. Dazu: wer waren all diese anonymen Leute eigentlich?

Es gibt ein Detail in dieser Akte, das sich niemand hätte ausdenken können. Um zu zeigen, wie viel Eigenständigkeit das “unabhängige” amerikanische Binance wirklich hatte, verweist die Aufsicht auf einen Kauf, den der Gründer persönlich genehmigen musste: Hoodies mit Binance-Logo für elftausend Dollar.

Alles über dreißigtausend

Die amerikanische Plattform öffnete im September 2019. Nach außen war sie ein unabhängiges Unternehmen mit einer eigenen Chefin. Von innen war sie etwas anderes.

Bis mindestens zum 30. Januar 2020 musste Zhao jede Ausgabe über dreißigtausend Dollar persönlich genehmigen. Die amerikanische Tochter fragte ihn und Binance regelmäßig um Erlaubnis für ganz gewöhnliche Betriebskosten: Miete, Steuern, Anwaltskosten, die Amazon-Rechnung für das Hosting der Kundendaten.

Und diese Hoodies.

Bis weit ins Jahr 2021 kamen Mitarbeiter der amerikanischen Tochter ohne Zhaos persönliche Erlaubnis nicht an bestimmte Echtzeit-Handelsdaten ihrer eigenen Plattform. Fast alle, die Clearing und Abwicklung für die amerikanische Börse erledigten, saßen nicht in Amerika, sondern in Shanghai.

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11.000 Dollar. Der Kauf von Binance-Hoodies, den der Gründer beim ‘unabhängigen’ amerikanischen Unternehmen persönlich genehmigen musste.

Project 1776

Die erste Chefin des amerikanischen Unternehmens nannte Binance intern “the mothership”, das Mutterschiff.

Im Januar 2020 begannen ihre Leute, eine Liste zu führen. Sie nannten sie die shackles, die Fesseln. Darauf stand jede Funktion, die ohne eine Antwort, ein Zugriffsrecht, eine Genehmigung oder Geld von Binance nicht lief. Auf dieser Liste unter anderem: fehlender Respekt und fehlende Transparenz zwischen dem asiatischen und dem amerikanischen Team, und die Tatsache, dass das amerikanische Finanzteam nicht wachsen durfte.

Sie schrieb dem Finanzchef von Binance, ihr ganzes Team sei “at breaking point”. Seine Antwort: “getting our independence takes time”.

Im Oktober 2020 ließ sie jemanden kartieren, welche Prozesse von der Hauptbörse abhingen. Ihre Reaktion auf das Ergebnis: “You have a lot of .com gatekeepers, now that I look at it.” Ein Mitarbeiter: “LOL … getting control over anything — fees, sub-accounts or API limits — is an immediate win.”

Sie gab dem Projekt einen Namen. Nach dem Jahr der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung.

Project 1776 is for our independence.Die erste Chefin von Binance.US, Oktober 2020. Das Projekt schaffte es nicht.

Zwei Chefs, neun Monate

Sie ging um den März 2021 herum. Zhao beschloss, sie zu ersetzen.

Ihr Nachfolger stellte beim Antritt eine Bedingung: Er wollte das Unternehmen unabhängig von Zhao und Binance führen können. Öffentlich sagte er, die amerikanische Börse sei “not an alter ego of Binance”.

Unter Eid erzählte er später eine andere Geschichte. Er hatte keine Ahnung, welche Binance-Einheit die Server der amerikanischen Plattform betrieb — nur, dass es nicht seine eigene Firma war. Die matching engine werde “presumably run by some Binance entity, but I have no idea which one”. Sein Fazit: “the biggest risk in this company is that we are entirely dependent on a bunch of technology that sits in Asia”.

Er wollte diese Technik und die Kryptowerte nach Amerika holen. Zhao überstimmte ihn. Er trat zurück, rund drei Monate nach dem Start.

All of the things that we had previously agreed and had worked on for 80 days were suddenly repudiated with no further discussion, and on that day I realized: huh, I'm not actually the one running this company. And as soon as I realized that, I left.Der zweite Chef von Binance.US, unter Eid vor der SEC.

Woher kommen siebzehn Millionen?

Zwei Szenen aus dieser Zeit, beide aus der Klage.

Juni 2020: Die Treuhandgesellschaft, die die Dollarkonten der amerikanischen Plattform verwaltete, teilt der Chefin mit, dass interne Überweisungen von rund zehn Millionen Dollar am Tag auf anderthalb Milliarden gestiegen sind. Sie wusste davon nichts. Sie konnte es nicht überprüfen. Und sie musste bei Binance nachfragen — einem, in den Worten der SEC, “supposedly separate and independent company”.

Dezember 2020: Siebzehn Millionen Dollar verschwinden von den Konten der amerikanischen Plattform zu einer Firma auf den Britischen Jungferninseln. Sie schreibt: “thank you — helpful. I just had to get an explanation, because if someone breaks our limits with huge withdrawals I have to ask — where do you get that kind of money from? And where is it going? … haha, I’m on a wild goose chase to make sure we know where 17 million is moving around.”

Diese Firma auf den Jungferninseln hieß Merit Peak. Sie gehörte Zhao.

Die Chefin von Binance.US musste nachfragen, wohin das Geld ihrer eigenen Plattform ging.
17 Millionen Dollar. Die Chefin von Binance.US musste nachfragen, wohin das Geld ihrer eigenen Plattform ging.

Der Market Maker des Eigentümers

Zwei Namen kommen immer wieder. Merit Peak, ansässig auf den Britischen Jungferninseln. Und Sigma Chain, ansässig in der Schweiz. Laut SEC ist Zhao bei beiden der wirtschaftlich Berechtigte, und geführt wurden sie von Binance-Personal.

Sigma Chain beschrieb sich selbst als “the main market maker for Binance.com”. Zhao wies an, dass sie auch einer der ersten Market Maker auf der amerikanischen Plattform werden solle. Sein eigenes Argument laut Klage: weil es der “own” Market Maker von Binance war und nicht einer, der “at arm’s length” stand.

Und hier ein Detail, das man zweimal lesen muss: Die Frau, die bei Binance das Backoffice führte, war gleichzeitig Präsidentin von Sigma Chain und zeichnungsberechtigt für die Bankkonten der amerikanischen Plattform. Eine Person, auf beiden Seiten einer Wand, die es nicht gab.

Mindestens 145 Millionen Dollar von der amerikanischen Plattform liefen 2021 über dieses Sigma-Chain-Konto. Weitere 45 Millionen gingen vom Treuhandkonto dorthin. Und von diesem Konto wurden laut SEC elf Millionen Dollar für eine Jacht ausgegeben.

Was laut Aufsicht fr eine Jacht bezahlt wurde  von dem Konto, ber das Kundengeld lief.
11 Millionen Dollar. Was laut Aufsicht für eine Jacht bezahlt wurde — von dem Konto, über das Kundengeld lief.

“I tested it myself”

Im August 2019, noch vor dem amerikanischen Start, warnte der Leiter des Teams hinter der matching engine die Führung. Die Engine erlaubte es einem Nutzer, mit sich selbst zu handeln. “Make sure this is fine with whatever US rules we have to follow”, schrieb er. Und: “The manipulation angle comes from the fact that traded volume goes up while in reality no money changed hands.”

Sein Schlusssatz war nüchtern: “If a US rule says we have to prevent this, we will. Otherwise not.

Anderthalb Jahre später, im Januar 2021, schickte der Vertriebsdirektor der amerikanischen Plattform eine Nachricht an seinen Chef.

Apparently we have nothing in place to prevent wash trading? Just tested myself, sold market order into my own bid.Der Vertriebsdirektor von Binance.US, Januar 2021. Ein Kollege antwortete mit einem Wort: “Yikes.”

Einundfünfzig von achtundfünfzig

Was auf dieser Plattform derweil geschah, steht in der Klage in Zahlen.

Am 25. September 2019, dem Tag nach der Eröffnung, machte der Handel zwischen Sigma-Chain-Konten und anderen Konten von Zhao und Binance-Mitarbeitern bei mindestens einem Kryptowert mehr als 99 Prozent des Volumens in der ersten Stunde aus. Am Ende dieses Tages waren es noch immer fast siebzig Prozent.

In den drei Monaten, bevor das Unternehmen zweihundert Millionen Dollar bei Investoren einsammelte, betrieb Sigma Chain bei 51 der 58 verfügbaren Kryptowerte wiederholt wash trading.

Für einen Wert ist es pro Tag ausgerechnet worden. Am 11. April 2022 waren 35,52 Prozent des gesamten Volumens in diesem Wert Sigma Chain, die mit sich selbst handelte.

Und bis mindestens Februar 2022 — dreieinhalb Jahre nach dem Start — hatte die Plattform überhaupt kein System, um Marktmanipulation zu erkennen. Während die Investorenpräsentation von “robust” Überwachung mit künstlicher Intelligenz sprach und das Handbuch vom Juli 2021 monatliche Prüfungen von “all potential wash trades” versprach.

Zhao selbst hatte dazu schon im April 2019 etwas getwittert.

CREDIBILITY is the most important asset for any exchange! If an exchange fakes their volumes, would you trust them with your funds?Changpeng Zhao, öffentlich, April 2019. Die SEC zitiert es in ihrer Klage.

Die Rechnung

Am 21. November 2023 kam alles an einem Tag zusammen.

Binance bekannte sich schuldig. Die Gesamteinigung mit dem US-Justizministerium: 4.316.126.163 Dollar. Dazu eine Strafe von 3,4 Milliarden des Finanznachrichtendienstes, 968 Millionen für Sanktionsverstöße und 2,85 Milliarden von der Derivateaufsicht — Beträge, die teilweise miteinander verrechnet werden. Die Zahl für die Schlagzeile: 4,3 Milliarden Dollar, einer der größten Vergleiche der amerikanischen Unternehmensgeschichte, in welcher Branche auch immer.

Zhao bekannte sich persönlich schuldig. Er zahlte 200 Millionen Dollar aus eigener Tasche und trat als Chef zurück. Am 30. April 2024 wurde er zu vier Monaten Haft verurteilt. Er saß sie ab.

Am 23. Oktober 2025 wurde er von Präsident Trump begnadigt. Diese Begnadigung löschte die Verurteilung der Person — nicht den Vergleich des Unternehmens.

Und am 1. Juli 2026 verließ Binance den gesamten Europäischen Wirtschaftsraum. Eine MiCA-Lizenz hat es nie bekommen.

Vier Milliarden dreihundert Millionen Dollar. Einer der grten Vergleiche der amerikanische
21. November 2023. Vier Milliarden dreihundert Millionen Dollar. Einer der größten Vergleiche der amerikanischen Unternehmensgeschichte.

Wer waren all diese Leute?

In den Gerichtsakten hat fast niemand einen Namen. Der Compliance-Chef heißt “Individual 1”, die Chefs der amerikanischen Plattform heißen “BAM CEO A” und “BAM CEO B”. Nur Zhao steht voll ausgeschrieben da.

Wir haben sie in anderen öffentlichen Quellen nachgeschlagen. Was folgt, ist deshalb keine Spekulation — in jedem einzelnen Fall gibt es eine weitere offizielle Quelle oder ein maßgebliches Medium, das den Namen nennt.

Die Backoffice-Managerin, zugleich Präsidentin von Sigma Chain: Die SEC nennt sie in einem anderen Schriftsatz im selben Verfahren selbst — Guangying “Heina” Chen. Laut Forbes war sie Direktorin von acht Binance-Firmen und zeichnungsberechtigt für Konten von 27 Einheiten in dreizehn Ländern.

Der Compliance-Chef der “fking unlicensed securities exchange”: von der Derivateaufsicht namentlich angeklagt als Samuel Lim; verglich sich für anderthalb Millionen Dollar.

Die erste Chefin von Binance.US, die von Project 1776 und dem Marionetten-Satz: Catherine Coley, früher Händlerin bei Morgan Stanley, davor bei Ripple. Seit 2021 fast vollständig aus der Öffentlichkeit verschwunden; ihre Aussage von 2022 liegt den Gerichtsakten als Anlage bei.

Der zweite Chef, der nach drei Monaten hinschmiss: Brian Brooks — und das ist kein beliebiger Name. Er war zuvor kommissarischer Comptroller of the Currency, oberster Bankenaufseher der Vereinigten Staaten. Der Mann, der das amerikanische Bankwesen beaufsichtigte, stellte binnen neunzig Tagen fest, dass er seine eigene Firma nicht führte. Heute ist er Verwaltungsratschef eines Immobilienfinanzierers.

Der Finanzchef: Wei Zhou, früher bei Goldman Sachs. Ging 2021, kaufte die philippinische Börse Coins.ph und ist heute deren Chef.

Der Tai-Chi-Berater: laut Forbes Harry Zhou von Koi Trading. Den Marketingdirektor, der die 19 von 22 meldete, und die beiden Mitgründer aus den Sitzungen vom Juni 2019 konnten wir nicht sicher einem Namen zuordnen — deshalb belassen wir es bei ihrer Funktion.

In den Gerichtsakten taucht fast niemand mit Namen auf. In anderen ffentlichen Quellen sch
Sieben Decknamen. In den Gerichtsakten taucht fast niemand mit Namen auf. In anderen öffentlichen Quellen schon.

Und was aus ihnen wurde

Catherine Coley, die Project 1776 startete, verschwand nach 2021 fast vollständig aus der Öffentlichkeit. 2023 nahm sie sich im Zusammenhang mit den US-Ermittlungen einen Spitzenanwalt. Ihr LinkedIn nennt noch eine einzige Rolle: frühere CEO von Binance.US. Angeklagt wurde sie nie.

Brian Brooks, der frühere Bankenaufseher, der nach drei Monaten hinschmiss, ist seit April 2024 Chairman und CEO des Immobilienfinanzierers Meridian Capital Group und nahm 2025 am Krypto-Gipfel im Weißen Haus teil. Die SEC nutzte seine Aussage, um Zhaos Kontrolle zu belegen. Auch er wurde nie angeklagt.

Wei Zhou, der Finanzchef, ging 2021, kaufte 2022 die philippinische Börse Coins.ph für rund zweihundert Millionen Dollar und führt sie bis heute. Ted Lin, fast von Anfang an Wachstumschef, ging im Juli 2022 und wurde Web3-Mentor und Angel-Investor. Und Samuel Lim, der Compliance-Chef hinter der meistzitierten Chatnachricht der Kryptogeschichte, zahlte anderthalb Millionen Dollar und ist aus der Branche verbannt.

Aber die beiden besten Schlusspunkte sind keine Menschen.

Prime Trust, die Treuhandgesellschaft aus Nevada, die die Dollar der amerikanischen Binance-Kunden hielt — und die 2020 wegen dieser anderthalb Milliarden am Tag bei der Chefin anrief —, wurde 2023 selbst von der Aufsicht in Nevada geschlossen. Der Grund: Fehlbeträge bei Kundengeldern. Interne Kontobücher waren manipuliert worden, Vermögen vermischt. Das Unternehmen ging in Chapter 11; die Abwicklung läuft noch.

Und Armanino, die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, die dem Board des amerikanischen Binance-Arms schrieb, es sei unmöglich festzustellen, ob die Kunden vollständig gedeckt seien? Sie prüfte auch die Bücher von FTX.US. Nach dem Zusammenbruch von FTX kamen die Fahrlässigkeitsklagen. Danach hörte die Firma ganz auf, Kryptounternehmen zu prüfen.

Der Warner, der Verwahrer und der Buchhalter. Alle drei weg.

Die Treuhandgesellschaft ging selbst unter. Der Prfer stieg aus Krypto aus. Und der Compli
Danach. Die Treuhandgesellschaft ging selbst unter. Der Prüfer stieg aus Krypto aus. Und der Compliance-Chef ist aus der Branche verbannt.
Was feststeht und was nicht

Was feststeht und was nicht

Zwei Dinge muss man streng auseinanderhalten. Das Schuldeingeständnis vom November 2023 und die 4,3 Milliarden Dollar: Das ist eine strafrechtliche Einigung, und sie steht fest. Das SEC-Verfahren, aus dem der größte Teil des Materials dieser Serie stammt, ist eine Zivilklage Vorwürfe. Im Juni 2024 ließ die Richterin einen großen Teil dieser Klage bestehen, warf aber Elemente daraus heraus.

Die hier genannten Personen außer Zhao, Lim und Chen sind nicht strafrechtlich verfolgt worden. Gegen Coley, Brooks und Wei Zhou ist nirgends Anklage erhoben worden; in den Gerichtsakten werden Brooks und Coley sogar als Leute dargestellt, die sich losreißen wollten. Harry Zhou ließ über Binance bestreiten, dass der Plan je ausgeführt wurde — die SEC sagt, er wurde es.

Und die Nuance, die am leichtesten wegfällt: In dieser Akte geht es nicht um einen Bösewicht. Es geht um ein Unternehmen, das eine Entscheidung traf — den größten Markt der Welt nicht loszulassen, ohne dafür eine Lizenz zu haben — und um alles, was danach nötig war, um diese Entscheidung am Laufen zu halten.

Quellen

Für diesen Teil: die SEC-Klage vom 5. Juni 2023 (¶¶141-236 zur Kontrolle, ¶¶239-281 zum wash trading, ¶¶33-34 zu Sigma Chain und Merit Peak); der Eilantrag der SEC, in dem Guangying Chen namentlich genannt wird; der DOJ-Vergleich vom 21. November 2023; der CFTC-Vergleich und das Verfahren gegen Samuel Lim; die Entscheidung über die Abweisungsanträge vom 28. Juni 2024. Für die Identifizierungen: der oben genannte Eilantrag der SEC, die CFTC-Unterlagen sowie Berichte von Forbes, Bloomberg Law und CoinDesk. Stand: 1. August 2026.