Es gibt einen einfachen Test dafür, ob ein Unternehmen wirklich den Besitzer wechselt: Man schaut, wer geht und wer bleibt. Bei Binance ging der Gründer aus der Geschäftsführung. Eigentümer blieb er. Und Ende 2025 wurde seine Lebenspartnerin zur Co-Geschäftsführerin ernannt.
Die Bedingung
21. November 2023, derselbe Tag wie das Schuldgeständnis. In der Pressemitteilung des amerikanischen Justizministeriums steht es in einem einzigen Nebensatz: Changpeng Zhao bekannte sich schuldig “and has resigned as CEO of Binance”.
Keine Ankündigung, keine Übergangsphase. Am selben Tag stand der Nachfolger schon bereit.
Was Binance später selbst dazu sagte, ist schärfer als die Pressemitteilung: Laut einem Sprecher im September 2024 ist Zhao unter den Bedingungen der Vereinbarung “prohibited from any present or future involvement in operating or managing the business”. Keinerlei gegenwärtige oder künftige Beteiligung an der Führung des Unternehmens.
Genau darin liegt die Spannung dieses ganzen Kapitels. Denn nicht führen zu dürfen ist etwas anderes, als nicht mehr zu besitzen.

Der Aufseher wird der Chef
Sein Nachfolger war eine bemerkenswerte Wahl: Richard Teng, ein Singapurer, der seine gesamte Laufbahn auf der anderen Seite des Tisches verbracht hatte.
Er begann bei der Monetary Authority of Singapore als Direktor für Unternehmensfinanzierung. Danach wurde er chief regulatory officer der Börse von Singapur. Und anschließend Direktor der Finanzaufsicht von Abu Dhabi. Erst im August 2021 kam er zu Binance, zunächst als Chef des Singapur-Zweigs, später zuständig für die regionalen Märkte.
Mit anderen Worten: Das Unternehmen, das sich schuldig bekannt hatte, Geldwäscheregeln nicht eingehalten zu haben, setzte einen ehemaligen Aufseher an die Spitze. Zhao nannte ihn öffentlich “eine hoch qualifizierte Führungskraft” mit drei Jahrzehnten Erfahrung.
Teng schlug sofort den Compliance-Kurs ein: mehr Lizenzen, bessere Überwachung, bessere Beziehungen zu den Aufsichtsbehörden. In seinem ersten großen Interview, zwei Wochen nach Amtsantritt, verweigerte er nur eine einzige Kategorie von Fragen. Die zur Governance: Wo ist die Zentrale, wer prüft die Bücher, wer ist der Eigentümer. Seine Antwort: Das werde geprüft.
Zwei Monitore im Haus
Der Vergleich brachte auch Aufsicht von innen. Zwei unabhängige Monitore, mit unterschiedlichen Auftraggebern und unterschiedlichen Laufzeiten.
Das Justizministerium verordnete einen Monitor für drei Jahre. Die Finanzaufklärungsstelle FinCEN verordnete einen für fünf Jahre — Teil des größten Vergleichs in der Geschichte des amerikanischen Finanzministeriums.
Im September 2025 wurde bekannt, dass Binance mit dem Justizministerium über die vorzeitige Beendigung dieses Monitors verhandelte. Ob das gelang, weiß niemand: Im April 2026 musste ein amerikanischer Senator beim Justiz- und beim Finanzministerium schriftlich nachfragen, wie der Stand eigentlich sei. Beide Monitorships bestanden auf dem Papier noch, waren aber, in den Worten eines Berichts, still geworden.
Das ist an sich schon ein Befund. Der strengste Aufsichtsmechanismus der Kryptogeschichte lässt sich anderthalb Jahre später von außen nicht mehr nachvollziehen.

Vier Monate
Zhao selbst wurde am 30. April 2024 verurteilt. Die Staatsanwaltschaft hatte drei Jahre gefordert. Der Richter kam auf vier Monate.
Ende Mai trat er die Haft in einem Gefängnis mit niedriger Sicherheitsstufe in Südkalifornien an. Am 27. September 2024 kam er frei.
Und am 21. Oktober 2025 unterzeichnete Präsident Trump eine full and unconditional pardon. Die Strafe war da bereits verbüßt; die Begnadigung löschte die Verurteilung. Zwei Tage später wurde sie bekannt gemacht, mit einer Erklärung aus dem Weißen Haus, der Krieg der vorigen Regierung gegen Krypto sei vorbei.
Zhao auf X, am selben Tag: “Deeply grateful for today’s pardon.”
Zwei Milliarden, in der richtigen Münze
Um diese Begnadigung herum hing eine Frage, die nicht verschwand.
Im März 2025 kündigte MGX, ein Investmentvehikel aus Abu Dhabi, eine Investition von zwei Milliarden Dollar in Binance an. Im Mai bestätigte Eric Trump, dass die Transaktion in USD1 abgewickelt wurde — dem Stablecoin von World Liberty Financial, dem Kryptoprojekt der Familie Trump.
MGX erklärte, man habe diese Münze wegen ihrer Compliance-Historie gewählt. Nur mit der Reihenfolge gab es ein Problem: USD1 existierte zum Zeitpunkt der Ankündigung noch gar nicht. Die Münze ging erst zwei Wochen später live.
Teng bestritt jeden Zusammenhang: Die Entscheidung für USD1 lag bei MGX, “we didn’t partake in that decision”. Trump sagte in einem Fernsehinterview, er kenne Zhao nicht. Und Zhao hielt daran fest, sein Verhältnis zu der Familie sei falsch dargestellt worden.
Im Kongress gab man sich damit nicht zufrieden. Zwei Senatoren schickten einen Brief, eine Resolution folgte, und achtundzwanzig Kongressmitglieder verurteilten die Begnadigung.
The usage of USD1 transaction between MGX as a strategic investor into Binance, that was decided by MGX. We didn't partake in that decision.Richard Teng, November 2025, auf die Frage nach dem Zusammenhang zwischen der Investition und der Begnadigung.
Dezember 2025
Am 3. Dezember 2025 kündigte Binance auf der eigenen Konferenz in Dubai die größte Führungsänderung seit dem Abgang des Gründers an.
Yi He wurde zur Co-CEO ernannt, neben Richard Teng.
Sie ist Mitgründerin von Binance, seit 2017 im Unternehmen, zuständig für Marketing, Produkt und Community. Sie ist außerdem — und das wurde nie von Binance selbst bestätigt, wohl aber von ihr in einem früheren Interview und von mehreren großen Medien — die langjährige Lebenspartnerin von Changpeng Zhao. Sie haben gemeinsame Kinder.
Die Pressemitteilung meldete, sie werde weiterhin Produkt und Wachstum verantworten und Teng bringe seine Erfahrung aus regulierten Märkten ein. Eine formale Aufgabenteilung wurde nie veröffentlicht.
Man stelle es nebeneinander. Der Gründer darf das Unternehmen nicht führen. Der Gründer besitzt das Unternehmen. Die Partnerin des Gründers ist jetzt Co-Geschäftsführerin.

Neunzig Prozent
Wie viel besitzt er eigentlich? Das wurde von Binance nie bestätigt. Forbes kam im März 2026 mit einer Schätzung auf Basis von Gerichtsunterlagen aus dem Verfahren: rund neunzig Prozent.
Zhao selbst sagt es im Juni 2026 so:
Er fügte etwas hinzu, das das Bild vervollständigt: Binance.US hat einen Geschäftsführer, Binance.com hat zwei, “sie sprechen fast nie miteinander”. Er selbst sagt, er sitze im Verwaltungsrat des amerikanischen Zweigs. Ob er im Verwaltungsrat des weltweiten Binance sitzt — das weiß niemand. Die Zusammensetzung dieses Gremiums wurde nie veröffentlicht. Nicht vom Unternehmen, nicht von einer Aufsichtsbehörde.
Und genau das ist der Punkt. Formal ist die Macht übergeben: eine neue Geschäftsführung, ein Verwaltungsrat mit unabhängigen Mitgliedern (erzwungen von der Derivateaufsicht), zwei Monitore. Tatsächlich ist der Eigentümer derselbe, sitzt seine Partnerin an der Spitze, und der Verwaltungsrat ist unsichtbar.
Man muss keine Verschwörung unterstellen, um zu sehen, dass das eine ungewöhnliche Konstruktion ist.
I'm still the single largest shareholder of Binance, but I don't run Binance.Changpeng Zhao, Juni 2026.
Und dann kam Europa
Unterdessen wuchs das Unternehmen einfach weiter. Beim Abgang des Gründers hatte Binance rund hundertfünfzig Millionen Nutzer. Im Dezember 2025 meldete es fast dreihundert Millionen. Es blieb mit Abstand die größte Börse der Welt, mit fast vierzig Prozent des gesamten Spotvolumens an zentralisierten Börsen.
Und dann blieb es an einer einzigen Lizenz hängen.
Hier müssen wir ein Missverständnis richtigstellen, das einem überall begegnet, auch in früheren Zusammenfassungen: Binance hat Europa am 1. Juli 2026 nicht freiwillig verlassen. Es bekam die MiCA-Lizenz vor dem Ende der Übergangsfrist nicht zusammen. Am 24. Juni 2026 zog das Unternehmen seinen griechischen Antrag zurück. Einen Tag später bekamen Nutzer unter anderem in Frankreich, Italien, Polen und Spanien eine Mail.
Ab dem 1. Juli 2026: keine neuen Spot- und Margin-Orders mehr, keine Einzahlungen, keine Neuanmeldungen, kein Staking. Auszahlungen sind weiterhin möglich. Binance schrieb dazu, die Guthaben seien sicher und man erwarte “in den kommenden Monaten” doch noch eine Lizenz.
Warum es nicht klappte, hat keine einzige Aufsichtsbehörde öffentlich erläutert. Aber die Frage, die jede europäische Aufsicht bei einem Lizenzantrag stellen muss, lautet, ob die Eigentümer und Geschäftsführer fit and proper sind. Und die Antwort auf die Frage, wer der Eigentümer ist, steht in den Teilen eins bis drei dieser Serie.

Und die Rechnung läuft weiter
Es wäre eine saubere Geschichte gewesen: Unternehmen zahlt Rekordstrafe, räumt auf, wächst weiter. So endet sie nicht.
Im Februar 2026 veröffentlichten The New York Times und The Wall Street Journal Recherchen, in denen es hieß, über Binance fließe nach wie vor Geld an Einheiten mit Verbindungen zum Iran — laut dieser Berichterstattung rund 1,7 Milliarden Dollar. Interne Ermittler, die deswegen Alarm schlugen, sollen 2025 entlassen worden sein.
Binance bestritt das mit einer bemerkenswerten Formulierung: Das Unternehmen habe diese verdächtige Aktivität gerade erkannt und gemeldet, und das sei “ein Beleg dafür, dass unsere Kontrollen funktionieren, nicht das Gegenteil”.
Ein amerikanischer Senator eröffnete dazu am 24. Februar 2026 eine Untersuchung. Zwei Monate später stellte derselbe Senator die Frage, mit der dieses Kapitel begann: Laufen diese Monitore eigentlich noch?
Und anderswo lief der Zähler ebenfalls weiter. Kanada verhängte im Mai 2024 eine Strafe von gut sechs Millionen kanadischen Dollar. Indien folgte im Juni 2024. In Nigeria läuft eine Zivilklage über 81,5 Milliarden Dollar, über die außerhalb des Gerichts verhandelt wird. In Frankreich weitete die Staatsanwaltschaft ihre Geldwäscheermittlungen 2025 aus.
Auf der anderen Seite: Das große amerikanische Zivilverfahren der Börsenaufsicht — der Fall, aus dem das meiste Material dieser Serie stammt — wurde am 29. Mai 2025 endgültig zurückgezogen.
Die Frage, die bleibt
Wer führt Binance? Formal: zwei Co-CEOs und ein Verwaltungsrat, dessen Zusammensetzung nicht öffentlich ist.
Wer besitzt Binance? Mit großer Sicherheit noch immer der Mann, der sich 2023 schuldig bekannte, nach der besten öffentlichen Schätzung zu rund neunzig Prozent.
Und das ist der Unterschied, der diese ganze Serie trägt. Bei einem börsennotierten Unternehmen kann man solche Fragen mit einem Geschäftsbericht beantworten. Bei einer Börse ohne Zentrale, ohne veröffentlichten Verwaltungsrat und ohne geprüften Jahresabschluss kann man nur darauf schauen, was Aufsichtsbehörden aufschreiben, wenn etwas schiefgeht.
Deshalb ist die Reihenfolge auf unserer Seite immer dieselbe. Zuerst die Lizenz, dann die Kosten, dann der Rest. Eine Lizenz bedeutet, dass jemand diese Fragen sehr wohl beantworten musste — und dass eine Aufsichtsbehörde die Antworten gut genug fand.

Was feststeht und was nicht
Feststehend: das Schuldgeständnis und die 4,3 Milliarden, der Rücktritt, die vier Monate Haft, die Begnadigung vom 21. Oktober 2025, die Ernennung von Yi He am 3. Dezember 2025, die Strafen in Kanada und Indien und die Tatsache, dass Binance die MiCA-Lizenz nicht bekam.
Nicht feststehend unbestätigt: der genaue Eigentumsanteil (die neunzig Prozent sind eine Schätzung von Forbes auf Basis von Gerichtsunterlagen, keine bestätigte Zahl), die Zusammensetzung des Verwaltungsrats, der Status beider Monitore per August 2026 und der genaue Grund, warum die europäische Lizenz nicht erteilt wurde — keine einzige Aufsichtsbehörde hat das erläutert.
Die Berichterstattung über den Iran vom Februar 2026 ist journalistische Recherche, keine Aufsichtsentscheidung; Binance bestreitet die Darstellung. Die Untersuchung des Kongresses läuft.
Und eines gehört der Fairness halber dazu: Richard Teng wird nichts vorgeworfen. Er kam nach dem Zeitraum ins Unternehmen, um den es in den Verfahren geht, und seine gesamte Laufbahn davor spielte sich auf der Seite der Aufsichtsbehörden ab.
Quellen
Die DOJ-Pressemitteilung vom 21. November 2023 und die FinCEN-Entscheidung (Monitore für drei und fünf Jahre); die CFTC-Consent-Order, die einen Verwaltungsrat mit unabhängigen Mitgliedern erzwang; die Begnadigung vom 21. Oktober 2025; die Pressemitteilung zur Ernennung von Yi He (3. Dezember 2025); die Rücknahme des SEC-Verfahrens (29. Mai 2025); die FINTRAC-Strafe und die indische FIU-Order. Dazu Berichterstattung von Bloomberg, CoinDesk, CNBC, Fortune, Forbes, The New York Times und The Wall Street Journal sowie die Briefe des amerikanischen Kongresses. Stand 1. August 2026.