Am 25. Juni 2021 schickte die japanische Finanzaufsicht ein Warnschreiben an Binance Holdings Limited. Oben auf so einem Schreiben steht die Adresse des Empfängers. Die Japaner trugen dort ein einziges Wort ein: 不明. Unbekannt.
Die Adresse: unbekannt
Es ist ein kleines Detail in einem formellen Dokument, und es ist das schärfste Beweisstück aus acht Jahren Binance.
Eine Aufsichtsbehörde einer der größten Volkswirtschaften der Welt will ein Unternehmen verwarnen, das ohne Lizenz ihre Bürger bedient. Sie weiß, wer der Geschäftsführer ist: Changpeng Zhao. Sie weiß, was das Unternehmen tut. Nur weiß sie nicht, wo es sitzt — und nach drei Jahren Suche schreibt sie das einfach hin.
Drei Jahre zuvor, im März 2018, hatte dieselbe Behörde bereits eine Warnung verschickt. Damals stand noch eine Adresse dabei: Hongkong. In der Zwischenzeit war Binance umgezogen. Mehrfach.
Dieser Teil handelt von dieser Reise. Und davon, warum sie im Sommer 2026 vor einer verschlossenen Tür endete.

Die Rundreise
Die Route lässt sich aus offiziellen Unterlagen rekonstruieren, Land für Land.
2017 — China und Hongkong. Binance startet, registriert in Hongkong, Team in Schanghai. Im September verbietet China den Kryptohandel. Binance geht.
März 2018 — Japan warnt, Malta lockt. Unmittelbar nach der japanischen Warnung kündigt Binance einen Umzug nach Malta an. Der maltesische Premier heißt das Unternehmen öffentlich willkommen. Zhao, zwei Monate später: “Die Regierung von Malta arbeitet samstags an Blockchain-Initiativen. Und Ihre?”
Oktober 2019 — Malta still und leise verlassen. Binance teilt den maltesischen Behörden mit, keine Lizenz mehr anzustreben. Der Leiter des Europageschäfts geht ohne Nachfolger.
21. Februar 2020 — Malta macht es öffentlich. Die maltesische Aufsicht veröffentlicht eine Erklärung: “Binance is not authorised by the MFSA to operate in the cryptocurrency sphere and is therefore not subject to regulatory oversight by the MFSA.”
Zhao reagierte noch am selben Tag auf X. Seine Wortwahl ist erhalten geblieben.
There is a mix of truth, FUD & misconception. [Binance] is not headquartered or operated in Malta. This is old news & has always been the case.Changpeng Zhao, 21. Februar 2020, nachdem Malta erklärt hatte, Binance nicht zu beaufsichtigen.
“Wo ist das Bitcoin-Büro?”
Im Mai 2020, drei Monate nach der maltesischen Erklärung, saß Zhao in einem Interview auf dem Ethereal Summit. Der Interviewer fragte, wo Binance denn nun eigentlich ansässig sei.
Seine Antwort wurde der meistzitierte Satz der ganzen Affäre:
Er baute ein Prinzip darum herum. “Das ist ja das Schöne an der Blockchain — man braucht nicht… also: Wo ist das Bitcoin-Büro? Denn Bitcoin hat kein Büro.” Und zu seinem eigenen Aufenthaltsort: “Das sage ich lieber nicht. Das ist meine Privatsache.”
Ein Jahr später, auf dieselbe Frage, verschob er die Diskussion auf die Definition: “Jeder definiert eine Zentrale ein bisschen anders. Wenn Sie fragen, wie man eine Zentrale definiert — ist das ein Büro, in dem Menschen sitzen?”
Unterdessen trafen die Erklärungen weiter ein. Am 1. Juli 2021 veröffentlichte die Aufsichtsbehörde der Kaimaninseln — wo Binance Holdings Limited formal registriert ist — eine Erklärung, dass Binance dort nicht registriert, lizenziert oder reguliert sei, um eine Börse zu betreiben. Im September kam Singapur mit einer Warnung; im Dezember zog Binance dort seinen Lizenzantrag zurück.
Wherever I sit, is going to be the Binance office. Wherever I need somebody, is going to be the Binance office.Changpeng Zhao, Ethereal Summit, 8. Mai 2020.
Wie ‘nicht auf die Niederlande ausgerichtet’ in der Praxis aussah
In den Niederlanden galt ab dem 21. Mai 2020 eine Registrierungspflicht für Kryptodienstleister. Binance registrierte sich nicht, bediente niederländische Kunden aber einfach weiter.
Wie gezielt das geschah, steht im Bußgeldbescheid von De Nederlandsche Bank. Genannte Anhaltspunkte: eine niederländischsprachige Website, das Angebot von iDEAL als Zahlungsmittel und ein niederländischsprachiger Newsletter.
Und dann das Detail, das man nur einmal lesen muss, um es zu verstehen. Der Bescheid vermerkt, dass die Sprachoption auf der Website später geändert wurde — in “Flämisch”.
Dieselbe Sprache. Andere Flagge.
Die DNB warnte im August 2021 öffentlich und verhängte am 25. April 2022 ein Bußgeld von 3.325.000 Euro. Erschwerend laut Bescheid: Binance ist der größte Kryptodienstleister der Welt, hatte sehr viele niederländische Kunden, trug nichts zu den Aufsichtskosten bei und verstoße “sehr lange”. Binance legte Widerspruch ein und zog ihn zwei Monate später wieder zurück.
Am 16. Juni 2023 kündigte das Unternehmen seinen Rückzug aus den Niederlanden an. Die eigene Erklärung klingt fast beiläufig: Obwohl man “viele alternative Wege” geprüft habe, habe das “not resulted in a VASP registration in the Netherlands at this time”. Ab dem 17. Juli 2023 konnten niederländische Nutzer nur noch abheben.

“Nicht in der Lage, wirksam beaufsichtigt zu werden”
Das Vereinigte Königreich war früher dran und deutlicher.
Am 25. Juni 2021 erlegte die britische Aufsicht FCA Binance Markets Limited eine Reihe von Auflagen auf. Das Unternehmen durfte keine regulierten Tätigkeiten mehr ausführen, musste binnen fünf Tagen auf der eigenen Website schreiben, dass es im Vereinigten Königreich nichts Reguliertes tun darf, und musste sämtliche Werbung entfernen.
Die Begründung ist der härteste Satz, den eine Aufsichtsbehörde in dieser Akte aufgeschrieben hat: Auf Basis der bisherigen Kontakte hielt die FCA das Unternehmen für “not capable of being effectively supervised” — nicht in der Lage, sich wirksam beaufsichtigen zu lassen. Der Grund: unvollständige Antworten auf Auskunftsersuchen und die Weigerung zu erläutern, wie das Unternehmen organisiert war und wie die Produkte britische Verbraucher erreichten.
Der britische Registrierungsantrag von 2020 führte nie zu einer Registrierung. Im Mai 2023 wurden die verbliebenen Erlaubnisse auf eigenen Wunsch zurückgenommen. Im Oktober 2023 nahm Binance keine neuen britischen Kunden mehr an.
Heute steht auf der britischen Seite von Binance ein Satz, der es zusammenfasst: Weder das Unternehmen noch die Anlagen sind von der FCA reguliert, und Kunden fallen nicht unter das britische Entschädigungssystem. Die regulierten Einheiten, die das Unternehmen sehr wohl nennt, sitzen in Abu Dhabi.
Das Labyrinth war das Ziel
Im März 2023 hielt die amerikanische Derivateaufsicht CFTC fest, was in acht Jahren entstanden war. Die Formulierungen sind unmissverständlich.
Zu Zhaos Aussagen: dass die Zentrale dort sei, wo er sich gerade aufhalte, “reflecting a deliberate approach to attempt to avoid regulation”. Zur Struktur: Die Nutzung eines Labyrinths aus Gesellschaften sei “deliberate; it is designed to obscure the ownership, control, and location of the Binance platform”.
Und dann der Satz, den man sich kaum ausdenken kann. Die CFTC schrieb, Binance sei so wirksam darin gewesen, den eigenen Standort und die Identität der eigenen Gesellschaften zu verschleiern, dass es damit sogar den eigenen Chief Strategy Officer verwirrt habe.
Intern war laut Klageschrift auch ein Ziel formuliert worden: Länder “sauber” von Verstößen zu halten, indem die Hauptplattform “not landing .com anywhere” — nirgendwo landen sollte.

Und dann wollte das Unternehmen doch hinein
Das ist der Zusammenhang, in dem man den Sommer 2026 lesen muss.
Europa hatte mit MiCA genau das getan, worum die Branche jahrelang gebeten hatte: ein Regelwerk, in allen siebenundzwanzig Mitgliedstaaten, mit einer Lizenz, die überall gilt. Dreizehn große Namen bekamen sie, von eToro bis Backpack. Bitvavo, Coinbase, Kraken, Bitstamp, Bybit, Crypto.com — alle drin.
Binance reichte am 23. Januar 2026 einen Antrag bei der griechischen Aufsicht ein. Es entstand eine griechische Holding; Griechenland sollte die europäische Zentrale werden. In seiner eigenen Erklärung nannte das Unternehmen MiCA “einen positiven und wichtigen Meilenstein für die Branche”.
Fünf Monate später, am 24. Juni 2026, zog es den Antrag zurück. Sechs Tage vor der Frist.
Eine Ablehnung wurde nie veröffentlicht. Nicht von der griechischen Aufsicht, nicht von der ESMA, von niemandem. Was es gibt, sind zwei Lesarten. Binance sagt, die Griechen hätten den Antrag für regelkonform gehalten und ihn durchziehen wollen. The Wall Street Journal berichtete am 5. Juli, die ESMA habe nationalen Aufsichtsbehörden vertraulich geraten, den Antrag zu blockieren — wegen Bedenken zur Einhaltung der Regeln gegen Finanzkriminalität und wegen der Vergangenheit des Unternehmens.
Seit dem 1. Juli 2026 können EU-Nutzer nichts mehr kaufen, einzahlen oder staken. Nur noch abheben.
Was wir nicht schreiben werden
Rund um diesen griechischen Antrag kursieren Geschichten über politischen Druck auf höchster Ebene. Wir sind ihnen nachgegangen, und das Ergebnis ist es wert, aufgeschrieben zu werden.
Die Version, die man am häufigsten hört — dass Ursula von der Leyen persönlich ein griechisches Regierungsmitglied unter Druck gesetzt habe — hat null Quellen keine Quelle. Keine einzige Veröffentlichung, keine anonyme Quelle, nichts. Es sieht nach einer Verwechslung aus.
Denn es gibt sehr wohl eine Geschichte in diese Richtung, und sie handelt von jemand anderem. Eine Publikation meldete im Juni 2026, ausschließlich gestützt auf anonyme Quellen, EZB-Präsidentin Christine Lagarde habe bei einem Treffen mit dem griechischen Ministerpräsidenten durchblicken lassen, dass Binance in Europa nicht willkommen sei. Die EZB, die ESMA sowie die griechische und die französische Aufsicht reagierten allesamt nicht. Keine Bestätigung, kein Dementi.
Das ist zu dünn, um es als Tatsache zu veröffentlichen. Die ESMA-Berichterstattung des WSJ ist besser belegt, stützt sich aber ebenfalls auf Quellen ohne Namen. Wir nennen beides, was es ist: journalistische Behauptungen, keine feststehenden Tatsachen.
Das Schöne daran ist, dass es für die Schlussfolgerung keine Rolle spielt. Ob die ESMA nun geraten hat oder nicht: Das Unternehmen hatte acht Jahre Zeit, sich irgendwo eine Adresse zu wählen, und entschied sich jedes Mal dagegen.
Altmodisch
Und das Merkwürdigste kommt noch.
Im Dezember 2025 bekam Binance endlich Lizenzen von der Finanzaufsicht von Abu Dhabi, für drei Einheiten. Die weltweite Plattform wird seitdem von dort aus reguliert. Das ist nach acht Jahren das Nächste an einer anerkannten Heimatbasis, was das Unternehmen je preisgegeben hat.
Doch selbst dann weigerte sich Binance, das Wort zu benutzen. Ein Sprecher, wörtlich: “An HQ is a physical or symbolic concept that doesn’t fully capture how Binance operates. It feels a bit old-fashioned to us.”
Eine Zentrale fühlt sich altmodisch an.
Im Dezember 2024 hatte Richard Teng noch gesagt, über den Standort sei noch nicht entschieden. Stand August 2026 gibt es noch immer keine anerkannte weltweite Zentrale.

Die Rechnung für acht Jahre
Man stelle die Liste einmal hintereinander. Japan: zwei Warnungen, Adresse unbekannt. Malta: keine Aufsicht. Kaimaninseln: nicht registriert. Singapur: Warnung, Antrag zurückgezogen. Vereinigtes Königreich: nicht in der Lage, wirksam beaufsichtigt zu werden. Deutschland: Antrag zurückgezogen. Niederlande: Bußgeld, Rückzug. Frankreich: Registrierung erhalten, Strafverfahren läuft. Vereinigte Staaten: Schuldgeständnis, 4,3 Milliarden. Kanada, Indien: Strafen. Nigeria: eine Forderung über 81,5 Milliarden, die noch läuft.
Und dann Europa, wo die Regeln endlich überall dieselben waren und die Frist seit zwei Jahren bekannt war.
Das ist der Punkt, auf den wir in dieser Serie immer wieder stoßen. Es geht nicht um einen Fehltritt. Es geht um ein Unternehmen, das eine Entscheidung traf — nicht dorthin zu gehen, wo die Fragen gestellt werden — und die acht Jahre lang durchhielt.
Für Sie als Händler ist die Übersetzung einfach. Eine Lizenz bedeutet nicht, dass eine Börse gut ist. Eine Lizenz bedeutet, dass jemand die Fragen sehr wohl beantworten musste: Wer ist der Eigentümer, wer sitzt im Verwaltungsrat, wo liegt das Geld, wer prüft die Bücher. Und dass eine Aufsichtsbehörde die Antworten gut genug fand.
Die größte Börse der Welt hat diesen Fragen acht Jahre lang ausweichen können. Im Juli 2026 reichte das, zumindest in Europa, zum ersten Mal nicht mehr.

Was feststeht und was nicht
Feststehend, aus offiziellen Unterlagen: die japanischen Warnungen von 2018 und 2021 (samt Adressfeld), die maltesische Erklärung vom Februar 2020, die Erklärung der Kaimaninseln vom Juli 2021, die FCA-Notice vom Juni 2021 mit der Formulierung zur wirksamen Aufsicht, der DNB-Bußgeldbescheid mit der niederländischsprachigen Seite, iDEAL und der Änderung in “Flämisch”, die CFTC-Klage und die Tatsache, dass Binance den griechischen MiCA-Antrag am 24. Juni 2026 selbst zurückzog.
Nicht feststehend unbestätigt: warum der griechische Antrag nicht abgeschlossen wurde. Eine Entscheidung wurde nie veröffentlicht. Die Berichterstattung über einen vertraulichen Rat der ESMA stammt von einer Zeitung und anonymen Quellen. Die Geschichte über politischen Druck aus der EZB stammt von einer Publikation, ebenfalls anonym. Und die Von-der-Leyen-Geschichte hat überhaupt keine Quelle.
Die Zitate von Zhao stammen aus aufgezeichneten Interviews und der Berichterstattung darüber; die Zitate aus der CFTC-Klage sind Vorwürfe in einem Zivilverfahren, das Binance im Dezember 2023 mit einer Consent Order beilegte.
Quellen
Offizielle Unterlagen: die Warnungen der japanischen FSA vom 23. März 2018 und 25. Juni 2021; das MFSA-Statement vom 21. Februar 2020; die Erklärung der Kaimaninseln; die FCA First Supervisory Notice vom 25. Juni 2021 und die zugehörige Warnung; der DNB-Bußgeldbescheid vom 25. April 2022; die CFTC-Klage vom 27. März 2023; die ESMA-Erklärung vom 23. Juni 2026; und die französische PSAN-Registrierung. Dazu Berichterstattung von CoinDesk, Decrypt, Reuters, The Wall Street Journal und Cointelegraph sowie die eigenen Erklärungen von Binance. Stand 1. August 2026.