STORY · DAS BRITISCHE KAPITEL

Das Datum, das sich um drei Monate verschob

Großbritannien gab der Kryptobranche eine Frist: Wer am 10. Januar 2020 schon lief, bekam ein Jahr Aufschub. Binance lief noch nicht. Also wurde eine Lösung erdacht.

Eine Aufsichtsbehörde zieht einen Strich durch die Zeit. Wer auf der richtigen Seite dieses Strichs steht, bekommt ein Jahr Schonfrist. Wer auf der falschen Seite steht, muss sofort eine Zulassung beantragen. Binance stand auf der falschen Seite. In einem Chat vom 11. März 2020 schlug jemand vor, den Strich dann eben zu verschieben — indem man einen Vertrag drei Monate älter aussehen ließ, als er war.

10. Januar 2020

Anfang 2020 bekam die britische Aufsichtsbehörde FCA neue Befugnisse. Kryptounternehmen fielen von da an unter die Regeln gegen Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung und mussten sich registrieren.

Es gab genau eine Ausnahme. Unternehmen, die schon vor dem 10. Januar 2020 Kryptogeschäfte im Vereinigten Königreich betrieben, durften ohne Registrierung weitermachen — bis zum 10. Januar 2021. Ein Jahr Luft.

So ein Datum ist kein Detail. Es ist der Unterschied zwischen zwölf Monaten ungestörtem Wachstum in einem der größten Finanzmärkte der Welt und der sofortigen Offenlegung der eigenen Bücher gegenüber einer Aufsicht, die gerade neue Zähne bekommen hatte.

Binance hatte im Vereinigten Königreich eine eigene Gesellschaft. Nur: Die war am 10. Januar 2020 noch gar nicht richtig in Betrieb.

Wer vor diesem Datum schon lief, bekam ein Jahr Aufschub. Wer danach anfing, nicht.
10. Januar 2020. Wer vor diesem Datum schon lief, bekam ein Jahr Aufschub. Wer danach anfing, nicht.

„Ich bin einverstanden“

Am 11. März 2020 machte eine Strategiemitarbeiterin von Binance einen Vorschlag in einem internen Chat, in dem die Führung mitlas.

Ein Dienstleistungsvertrag zwischen der britischen Gesellschaft und der Holding auf den Kaimaninseln sollte um drei Monate rückdatiert werden. Damit würde auf dem Papier stehen, dass der britische Arm schon vor dem 10. Januar 2020 in Betrieb war.

Den Grund schrieb sie dazu, und er ließ nichts offen: Binance musste die FCA davon überzeugen, dass die britische Einheit vor dem 10. Januar 2020 angefangen hatte. Dann durften Unternehmen mit bestehenden Kryptogeschäften ohne Registrierung bis zum 10. Januar 2021 weitermachen.

Eine andere Führungskraft im selben Chat sah die Gefahr. Das Manöver könne zu einer Quelle des Verdachts werden, schrieb er.

Changpeng Zhao, Gründer und Eigentümer, fasste sich kürzer. „I am fine with it.“ Ich bin einverstanden.

Danach unterschrieb er das Dokument.

“I am fine with it.”Changpeng Zhao, 11. März 2020, unter einem Vorschlag, einen Vertrag um drei Monate rückzudatieren — berichtet von Reuters, das das unterzeichnete Dokument einsah.

Die Spur, die es nicht geben durfte

Es war nicht der einzige Moment, in dem der britische Arm zum Problem wurde.

Früher im selben Jahr bat ein Londoner Zahlungsdienstleister um etwas völlig Gewöhnliches: Schreibt auf eure Website, welche Gesellschaft für Zahlungen in normalem Geld verantwortlich ist. Der Dienstleister selbst nannte das eine völlig standardmäßige Anfrage im Zahlungsverkehr.

Bei Binance galt das als Risiko. Ein Mitarbeiter warnte, so ein Satz hinterlasse eine Papierspur zwischen der britischen Gesellschaft und der Hauptbörse — und gerade von dieser Hauptbörse wollte das Unternehmen nicht sagen, wo sie saß.

Die Strategiemitarbeiterin sah einen Ausweg. Der Satz könne drauf, ohne die Verbindung öffentlich zu machen. Das kollidiere nicht mit dem, was sie die unregulierte Strategie nannte. Und wenn er nicht mehr nötig sei, könne Binance den Satz später „heimlich wieder entfernen“.

Danach schrieb sie den Satz, der das Ganze zusammenfasst: Es gebe „viel Spielraum im Umgang mit Compliance“.

Zhao antwortete: sieht gut aus, mach weiter. In den Wochen darauf erschien der Satz auf der Website. Und verschwand wieder.

“A lot of room to play with compliance.”Eine Strategiemitarbeiterin von Binance, Anfang 2020, in einem Chat, in dem der Gründer mitlas — berichtet von Reuters.

Was die FCA selbst davon hielt

Der Aufschub lief ohnehin aus. Und als es darauf ankam, ging es schief.

Im Juni 2021 warnte die FCA die britischen Verbraucher, dass Binance keinerlei Zulassung besaß, um im Vereinigten Königreich regulierte Dienste anzubieten. Die Aufsicht erlegte dem britischen Arm Beschränkungen auf.

Die Begründung der FCA ist härter als die Maßnahme selbst. Sie kam zu dem Schluss, die betreffende Binance-Gesellschaft sei nicht wirksam zu beaufsichtigen, weil das Unternehmen sich weigerte, Auskunft über die Aktivitäten und über die juristische Einheit hinter der Hauptbörse zu geben.

Das ist eine Aufsicht, die sagt: Wir wissen nicht, mit wem wir es zu tun haben, und das liegt daran, dass sie es nicht sagen.

Genau dasselbe Muster — nicht sagen wollen, wo das Unternehmen sitzt — zieht sich durch die gesamte Geschichte von Binance. Es ist das Thema von Teil 5 unserer Serie.

Ganz ehrlich

Was feststeht, und was nicht

Die Chatnachrichten in dieser Geschichte stammen aus der Recherche von Reuters vom 17. Oktober 2022, die Tausende interne Nachrichten, E-Mails und Dokumente auswertete und mit rund dreißig ehemaligen Mitarbeitern, Beratern und Geschäftspartnern sprach. Reuters gibt an, das unterzeichnete, rückdatierte Dokument selbst gesehen zu haben.

Feststehend und öffentlich: die FCA-Frist vom 10. Januar 2020 und die Ausnahme für bestehende Unternehmen. Die Warnung der FCA vom Juni 2021 und ihr Urteil, dass die britische Gesellschaft nicht wirksam zu beaufsichtigen war.

Journalistische Rekonstruktion: die Chatnachrichten, der Vorschlag zur Rückdatierung und die vier Worte von Zhao. Binance ging damals inhaltlich nicht auf die Fragen von Reuters ein; die FCA wollte sich zu dieser Episode nicht äußern. Zu diesem konkreten Punkt gibt es kein Gerichtsurteil.

Wir schreiben es deshalb so auf, wie es ist: als detaillierte Berichterstattung einer renommierten Nachrichtenagentur, nicht als vor Gericht festgestellte Tatsache. Das macht es nicht weniger schwerwiegend. Es macht aber einen Unterschied, wie man es aufschreibt.

Warum das mehr ist als ein Verwaltungstrick

Man kann das als Papierkram lesen. Ein Datum auf einem Vertrag, drei Monate Unterschied, wo ist das Problem.

Das Problem ist, wofür diese drei Monate standen. Die Regeln, denen Binance zu entkommen versuchte, waren keine Formalität, sondern das britische Geldwäschegesetz — genau das Thema, bei dem das Unternehmen drei Jahre später in den Vereinigten Staaten ein Schuldbekenntnis ablegen und 4,3 Milliarden US-Dollar zahlen sollte.

Und das Muster ist immer dasselbe. Nicht: Wir halten uns nicht an die Regeln. Sondern: Wir sorgen dafür, dass die Regeln knapp nicht für uns gelten. Eine Einheit, die zur Zielscheibe wird statt man selbst. Eine Adresse, die man nicht nennt. Ein Satz, den man heimlich wieder entfernt. Ein Datum, das sich um drei Monate verschiebt.

Das ist kein Zufall eines einzelnen Mitarbeiters an einem einzelnen Tag. Das ist eine Arbeitsweise, und jedes Mal stand dieselbe Unterschrift darunter.

Nicht die Regeln brechen, sondern dafr sorgen, dass sie knapp nicht fr einen gelten.
Drei Monate. Nicht die Regeln brechen, sondern dafür sorgen, dass sie knapp nicht für einen gelten.

Und jetzt?

Das Vereinigte Königreich hat Binance nie nachträglich hereingelassen. Die Beschränkungen von 2021 blieben bestehen, und das Unternehmen hat dort bis heute keine eigene Zulassung.

In Europa endete es nicht besser. Binance brachte keine MiCA-Zulassung zustande und zog am 24. Juni 2026 seinen griechischen Antrag zurück; zum 1. Juli 2026 durfte das Unternehmen seine Dienste im Europäischen Wirtschaftsraum nicht mehr anbieten.

Wer heute eine Börse wählt, muss diese Geschichte nicht kennen. Aber die Frage darunter ist die richtige: In welchem Register steht sie, und wen kann man belangen, wenn es schiefgeht. Genau das ist eine Zulassung. Und genau das wurde hier um drei Monate beiseitegeschoben.

Quellen

Die internen Nachrichten, der Vorschlag zur Rückdatierung und die Reaktion von Changpeng Zhao stammen aus der Recherche von Tom Wilson und Angus Berwick für Reuters (17. Oktober 2022), gestützt auf Tausende interne Nachrichten, E-Mails und Dokumente aus 2017 bis Anfang 2022 und Gespräche mit rund dreißig ehemaligen Mitarbeitern, Beratern und Geschäftspartnern. Reuters meldet, das unterzeichnete Dokument selbst eingesehen zu haben. Binance ging inhaltlich nicht auf die Fragen ein; die FCA wollte sich zu dieser Episode nicht äußern. Die Regeländerung vom 10. Januar 2020 und die Ausnahme für bestehende Unternehmen sind öffentliche Politik der FCA, ebenso wie die Verbraucherwarnung vom Juni 2021. Zum US-Vergleich über 4,3 Milliarden US-Dollar: die Pressemitteilung des US-Justizministeriums vom 21. November 2023. Wo dieser Text journalistische Rekonstruktion wiedergibt statt einer festgestellten Tatsache, steht das ausdrücklich dabei. Stand 1. August 2026.