Am 26. Juli 2026 kündigt BitMart eine geordnete Abwicklung an: großzügige Fristen, ein klarer Kalender, keine Panik. Drei Wochen später steht auf dem offiziellen chinesischen Account eben dieser Börse ein offener Brief an den eigenen Gründer — mit fünf Forderungen und einer Frist. Der Gründer antwortet, das Konto sei gehackt worden. Dazwischen sitzen Tausende Nutzer, die einfach nur ihr Geld zurückwollen.
Die geordnete Abwicklung
Die Ankündigung kommt an einem Sonntagmorgen. BitMart, seit 2017 aktiv und jahrelang ein mittelgroßer Name in der zweiten Reihe der Kryptobörsen, teilt mit, dass Schluss ist. Keine neuen Registrierungen, keine Einzahlungen, Futures auf reduce-only, Spot nimmt keine neuen Orders mehr an. Der Handel endet am 26. August 2026, die Plattform schließt endgültig am 31. Januar 2027.
Als Grund nennt die Börse Geschäftsbedingungen, Marktklima und künftige strategische Ausrichtung. Keine Insolvenz, kein Hack, keine aufsichtsrechtliche Maßnahme. Auf dem Papier ist das genau so, wie man es machen soll: reichlich Zeit, klare Termine, Nutzer können ihre Positionen schließen und ihr Geld abziehen.
Es passt nur schlecht zu dem, was neun Tage zuvor stand. Im Halbjahresbericht vom 17. Juli meldete BitMart noch rund 256% Wachstum bei der Vermögensverwaltung gegenüber dem Vorquartal, ein neues Prediction-Market-Produkt und eine im Juni erhaltene australische Lizenz. Ein Unternehmen, das sich so beschreibt, schließt neun Tage später nicht einfach die Tür.
Das Geld, das nicht mitging
Der Kalender war großzügig. Die Auszahlungen waren es nicht. Schon in den ersten Tagen melden Nutzer, dass Auszahlungen hängen bleiben, dass die Verifizierung endlos dauert, dass Anträge ohne Erklärung liegen bleiben. Das Analysehaus Lookonchain zählte in den ersten 24 Stunden nach der Ankündigung 58 Wallets, die zusammen rund 805.000 Dollar abzogen — darunter ein Zeitfenster von acht Stunden, in dem kein einziger Antrag bearbeitet wurde. Der eigene Börsentoken BMX verlor in einer Woche über 80% seines Werts.
Mitte August kommt eine Zahl dazu, die die Stimmung endgültig kippen lässt. Rechercheure, die mit BitMart verknüpfte Wallets verfolgen, sehen den Bestand von etwa 70–100 Millionen Dollar auf rund 36,5 Millionen Dollar fallen. Das ist kein Beweis für Diebstahl — eine Börse, die auszahlt, sieht ihre Wallets zwangsläufig leerlaufen. Aber es ist genau die Zahl, die man nicht unerklärt lassen will, während Kunden berichten, dass sie nicht an ihr Geld kommen.
Gleichzeitig kursieren Berichte über unbezahlte Gehälter der Mitarbeiter. ungeprüft
Am 8. August äußert sich Gründer Sheldon Xia erstmals öffentlich. Er bestreitet, dass die Börse sich abgesetzt oder Mittel missbraucht habe, sagt, das Team mache eine Bestandsaufnahme, und dass Gerichte und unabhängige Prüfer eingeschaltet werden könnten.
Der Brief vom eigenen Account
Dann passiert etwas, das man in dieser Branche selten sieht. Am 17. August erscheint auf @BitMart_zh — dem offiziellen chinesischen Account der Börse selbst — ein langer offener Brief. Nicht an die Nutzer, sondern an den Gründer. Im Namen von Nutzern und Mitarbeitern.
Der Brief stellt fünf Forderungen:
- Offenlegung von Wallets, Vermögenswerten, Verbindlichkeiten und verfügbaren Reserven — durch Dritte prüfbar.
- Eine Erklärung, warum Auszahlungen blockiert waren und wer das entschieden hat.
- Eine Untersuchung von Konten, die möglicherweise mit dem Management verknüpft sind.
- Sofortige Zahlung ausstehender Gehälter und Entschädigungen.
- Ein konkreter, geprüfter Rückzahlungsplan mit Zeitplan.
Die Frist: 19. August. Ohne Antwort sollten die Belege an Aufsichtsbehörden, Polizei, Anwälte und Medien gehen. Der Brief markiert unter anderem CZ, Justin Sun, Vitalik Buterin, WuBlockchain und ZachXBT — eine Methode, dafür zu sorgen, dass die Sache nicht leise verschwindet.
Eine Börse, die ihrem eigenen Gründer über ihren eigenen Account ein Ultimatum stellt, hat kein Kommunikationsproblem. Sie hat ein Vertrauensproblem.
Die schärfste Passage
Bis hierhin ist es ein geschäftlicher Konflikt: Zahlen, Wallets, ein Rückzahlungsplan. Doch der Brief bleibt nicht geschäftlich. In der Mitte wendet er sich Yi Li zu — auch bekannt als Nancy Li — der Partnerin des Gründers.
Die Verfasser verweisen auf ihre sozialen Medien: Luxusuhren, teurer Wein, Diamantringe, teure Hotels. Sie sagen selbst als Erste, dass das für sich genommen nichts beweist. Luxus zu leben ist kein Verbrechen, heißt es wörtlich. Die Frage, die sie daran knüpfen, ist eine andere und unmissverständlich: Es soll mit ihr verknüpfte BitMart-Konten mit zweistelligen Millionenbeträgen geben, von denen in Tranchen abgehoben wurde. Existieren diese Konten? Wem gehört das Geld? Woher stammt es? Und — darum geht es wirklich — ist es Nutzergeld? ungeprüft
Damit kein Missverständnis entsteht: Für diese verknüpften Konten wurde kein Beleg vorgelegt, weder im Brief noch außerhalb. Es ist ein Vorwurf, keine Feststellung. Aber es ist die Passage, die den Konflikt von einer Buchhaltungsfrage in eine persönliche Abrechnung verwandelt hat — und genau diese Art Frage würde eine prüfbare Vermögensübersicht auf einen Schlag beantworten.
„Gehackt“
Xias Reaktion lässt nicht lange auf sich warten. Er nennt die Beiträge erfundene Gerüchte, sagt, er habe Beweise gesammelt, werde Anzeige erstatten und einen Anwalt zu X schicken, für eine forensische Untersuchung. Mitarbeiter, fügt er hinzu, erhielten keinen Vorrang vor Kunden.
Kurz darauf folgt die Erklärung, die den Konflikt endgültig unauflösbar macht: Der offizielle chinesische Account sei gehackt worden, und die Beiträge stammten nicht von aktuellen Mitarbeitern.
Damit stehen zwei unvereinbare Lesarten nebeneinander. Entweder wurde das Konto von Außenstehenden übernommen — dann ist der Brief kein internes Signal, sondern ein Angriff. Oder der Brief kam von innen — dann hat das Management die Kontrolle über die eigenen Kanäle verloren. Für den Nutzer, der auf sein Geld wartet, macht das wenig Unterschied: In beiden Fällen gibt es keinen geprüften Rückzahlungsplan. widersprüchliche Darstellungen
ZachXBT schaltet sich ein
On-Chain-Ermittler ZachXBT — in dieser Branche ungefähr die letzte Instanz für alle, die sonst nirgends hinkommen — reagiert sofort. Sein Punkt ist entwaffnend einfach: Wenn die Liquidität da ist, gebt allen einfach ihr Geld zurück, statt vage Erklärungen zu posten. Er fügt hinzu, das Vorgehen von BitMart habe echte Menschen den Zugang zu ihrem Geld gekostet, bei bemerkenswert wenig Transparenz.
Zuvor war er zum größeren Muster noch härter: Wer 2026 noch eine Offshore-„Bucket Shop“-Börse statt einer Top-5-Börse nutzt, ist zum Teil selbst schuld.
Die leeren Stühle drumherum
Rund um den Streit fällt vor allem auf, wer nicht mehr da ist. Nathan Chow, der Global CEO, wurde am 24. Juli entlassen — zwei Tage vor der Ankündigung. Öffentlich erklärte er, an der Schließungsentscheidung nicht beteiligt gewesen zu sein und davon über die offizielle Ankündigung erfahren zu haben.
Mitgründer Terence Lee zog sich zum 31. Juli aus allen Unternehmensangelegenheiten zurück. In einer Erklärung vom 12. August schreibt er, er sei in den letzten Jahren nicht für die Kernbörse verantwortlich gewesen und habe keine Verfügungsgewalt über Vermögenswerte oder Nutzergelder gehabt. Er beklagt zudem, dass sein Ausweis, Fotos und falsche Informationen über ihn verbreitet würden.
Am Markt wurde dieser Abgang sofort als Signal gelesen. Der Kommentator Travladd fasste es als „screams insolvency“ zusammen: ein Mitgründer, der sich kurz vor dem Sturm zurückzieht. Interpretation
Eine Börse, deren CEO gerade entlassen wurde, deren Mitgründer sich zurückzieht und deren Belegschaft über den Firmenaccount Alarm schlägt, war bereits vor der ersten Frist auf Führungsebene auseinandergefallen.
Dazu kommt ein Versprechen, das nie eingelöst wurde: BitMart wollte im Mai 2026 einen Proof of Reserves veröffentlichen. Dieser Bericht ist nie erschienen. ungeprüft Genau ein solcher Bericht würde die Diskussion jetzt auf einen Schlag beenden.
Was sonst noch kursiert
Um eine Börse, die stillsteht, entsteht immer eine zweite Ebene an Geschichten: Dinge, die Betroffene und Marktteilnehmer sagen, die aber niemand belegt hat. Sie gehören dazu — und sie gehören mit einem Etikett dazu. ungeprüft
- 27 größere Konten sollen zusammen mehr als 3,7 Millionen Dollar festhängen haben.
- Der Market Maker Open Gradient (Matthew Wang) warf BitMart öffentlich Insolvenz vor und sagte, die Börse habe Tokenhalter noch eine Woche vor der Schließungsankündigung gebeten, ihre Token zu sperren.
- VIP-Manager sollen Kunden aus Telegram-Gruppen entfernt haben, als die Auszahlungen stockten.
- Die Aufsicht CIMA auf den Cayman Islands soll erklärt haben, BitMart/GBM sei dort nie lizenziert gewesen.
Keiner dieser Punkte wurde von BitMart bestätigt; die Börse bestreitet die Berichterstattung allgemein. Sie stehen hier, weil sie das Bild prägen, in dem die Nutzer ihre Entscheidungen treffen — nicht, weil sie feststehen.
Die Uhr, die weiterläuft
Die Frist zum 19. August verstrich ohne den geforderten Plan. Was nicht verstreicht, ist der Kalender der Börse selbst. Am 26. August 2026, 01:00 UTC endet der gesamte Handel — Spot und Derivate. Auszahlungsanträge sind danach noch bis 05:00 UTC desselben Tages möglich. Danach bleibt die Plattform bis zum 31. Januar 2027 offen, aber ohne Markt.
Für alle, die dort noch Geld liegen haben, ist das die einzige Zahl, die wirklich zählt. Nicht, wer im Streit recht hat, sondern wie viele Tage noch bleiben.
Was BitMart zeigt
Das Muster kennt man von jeder Börse, die sich leise leert: Der Kalender ist ordentlich, die Kommunikation ist ruhig, und die Auszahlungen sind langsam. Ein Kalender kostet nichts. Auszahlen schon.
Das Besondere an diesem Fall ist, dass der Alarm nicht von außen kam, sondern von innen — über den Firmenaccount selbst. Und dass ausgerechnet die eine Prüfung, die den Fall hätte entscheiden können — eine prüfbare Übersicht von Vermögen und Verpflichtungen — genau das ist, was fehlt.
Darin liegt die Lehre, die über BitMart hinausreicht: Fragen Sie nicht, ob eine Börse sagt, Ihr Geld sei da, sondern ob jemand unabhängig nachgesehen hat — und wann zuletzt.
Quellen
Offener Brief, die fünf Forderungen und die Frist zum 19. August; die Reaktion von Gründer Sheldon Xia („erfundene Gerüchte“, Hack-Behauptung) sowie die Berichte über unbezahlte Gehälter: CoinDesk, CoinGape, The Crypto Times. Rückgang der mit BitMart verknüpften Wallets von ~71 Mio. auf ~36,5 Mio. Dollar: AMBCrypto. Reaktion von ZachXBT: NullTX, X. Abwicklungskalender und Schließungstermine: offizielle Ankündigung von BitMart. Offener Brief und Reaktion im Original: @BitMart_zh, @sheldonbitmart. Die Vorwürfe im offenen Brief — darunter die zu mit dem Management verknüpften Konten — sind nicht unabhängig bestätigt und werden von BitMart bestritten; Passagen mit ungeprüften Behauptungen sind entsprechend gekennzeichnet.